Von einem Knie in Not und norwegischer Wartementalität

Wer mich kennt weiß, dass ich absolut in der Lage bin vom Sofa aufzustehen und mein gerade noch völlig intaktes Knie mit einem Meniskusschaden oder so was zu versehen. So geschehen an einem lauschigen Abend, an dem ich mich eigentlich der norwegischen Fernsehunterhaltung widmen wollte. Nun ja, zwischendurch steht man eben mal auf um süßen Gaumennachschub für den perfekten Fernsehabend aus der Küche zu holen. Dass man aufsteht und das Knie bis auf weiteres unbrauchbar ist, gibt einem den besonderen Kick.

Kurzzeitig überlege ich den Arztbesuch zu umgehen, da ich im Allgemeinen einer gewissen Allergie gegen selbige unterliege, aber es hilft nichts: will ich mein Knie kurzfristig wieder in irgendeine Funktion bringen, darf ich mich wohl auf einen Praxisbesuch einstellen.

Das tue ich am nächsten Morgen dann auch. Es ist der erste in Norwegen. Ich wähle den praktischen Arzt und finde mich am nächsten Morgen in einer unüberschaubaren Patientenmenge von schreienden Kindern bis hin zu betrunkenen Unfallopfern. Nun ja, da ich kaum in der Lage bin zu laufen habe ich die vage Hoffnung, dass ich nicht als letzter in der Reihe registriert werde. Nach drei Stunden Wartezeit habe ich diese Hoffnung aufgegeben.

Dass das Thema Warten das gesamte norwegische Gesundheitssystem beherrscht, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Als ich endlich dran komme und dem Arzt mein Knie-Aua schildere, rechne ich mit einer eingehenden Untersuchung, einer Computertomographie oder wenigstens mit einem Röntgenbild. Stattdessen erhalte ich nach Abtasten ein Kältepack und ein Schmerzmittel. Hallo? Ich warte drei Stunden um mit einem Kältepack nach Hause zu gehen? Und auf meinen Einwand, dass ich überhaupt nicht laufen kann erhalte ich noch ein paar Krücken. Großartig! Und die 230 Kronen Praxisgebühr darf ich vor dem Verlassen der Praxis auch noch da lassen.

Und da sind wir auch schon beim Kernproblem des norwegischen Gesundheitssystems. Warten wird absolut groß geschrieben. Zwar hat jeder das Anrecht auf eine medizinische Grundversorgung – wobei man hier wissen muss, dass der Hausarzt für so ziemlich alles zuständig ist, was den Norweger an Problemen beschäftigt, medizinisch oder nicht – aber sobald eine weiterführende Behandlung beim Spezialisten erforderlich ist heißt es: WARTEN! Manchmal sechs oder acht Monate. Und dabei ist es völlig egal ob es sich wie in meinem Fall um ein kaputtes Knie oder um eine lebenswichtige Herz-OP handelt. Bei letzteren könnten böse Zungen hinterfragen, ob die Wartezeit die OP-Dringlichkeit nicht bereits im Vorfeld erledigt. Immerhin wird man anstandslos bis zur anstehenden Weiterbehandlung krank geschrieben. Und das eben aufgrund der langen Wartezeiten auch mal über Monate. Aber wenigstens weiß der Norweger an sich sein gut gefedertes Sozialsystem zu schätzen und tut dies auch öffentlich kund.

Allerdings fühle ich mich angesichts der Arbeitszeiten norwegischer Ärzte nicht wirklich an das erinnert, was in Deutschland Gang und Gäbe ist. Operationen rund um die Uhr? Undenkbar! Ärzte, die sechzig Wochenstunden für Ihre Patienten da sind? Ebenfalls undenkbar!

Nun ja, schlussendlich humple ich mit meinem Knie nach Hause und bin dankbar, dass es sich nach drei Tagen dazu herablässt wieder zu funktionieren. Das tut es bis heute. Angesichts der skandinavischen Wartementalität sollte ich es aber vielleicht schon mal zur Operation anmelden. Für alle Fälle.

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