Folkelig oder königlich? Gleichheit über alles oder bin ich hier im falschen Toleranzfilm?

Als Deutsche in Norwegen ist man ja von Haus aus den Umgang mit königs erst mal nicht gewohnt und ich glaube nicht nur ich erinnere mich an die zauberhaften Nettigkeiten der europäischen Boulevard-Presse als 1999 Kronprinz Haakon bekannt gab eine Bürgerliche mit delikater Vorgeschichte zu daten und dann auch noch wenig später Heiratsabsichten bekundete. Und doch steht das Ganze bespielhaft für die gnadenlose Toleranz der Norweger, fast Allem und Jedem gegenüber. Was der Deutsche zuweilen in Perfektion beherrscht, nämlich darüber zu urteilen, aus welchem Stall man kommt, und sein Mißfallen darüber auch permanent gerne in der Öffentlichkeit kund tut, lässt den Norweger völlig kalt. Es würde auch nicht dem Prinzip der Norweger entsprechen, dass alle gleich sind.

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Da denke ich doch: nach dem Prinzip der Gleichheit konsequent, dass der Adel in Norwegen gänzlich abgeschafft wurde. Aber Moment, Halt, Stopp. Habe ich da was übersehen? Oder fällt das Königshaus nicht unter adelig? Witzigerweise ist Norwegen das einzige Land, das den Adel abgeschafft hat, aber dennoch einen König hat. Aber auch wenn die Königsfamilie nach wie vor adelig ist, setzt sie das Toleranz- und Gleichheitsprinzp sehr konsequent um. Mal abgesehen davon, dass aus Mangel an abgeschafften Prinzen, Grafen und Baronen potentielle Heiratskandidaten im eigenen Land Mangelware sind, hat das norwegische Königshaus das Heiraten von Bürgerlichen sehr schnell hoffähig gemacht. Folglich haben auch nur zwei königliche Generationen die Suche nach adeligen Heiratskandidaten im Ausland durchgehalten. Und während sich die deutsche Boulevardpresse 1999 das Maul über Mette-Marits unehelichen Sohn zerriss, nahm der Norweger an sich davon kaum Notiz, weil in Norwegen sowieso mehr als die Hälfte aller Kinder unehelich geboren wird. Was im übrigen Europa zum Skandal reicht, ringt dem Norweger kaum ein müdes Lächeln ab. Und sogar Öl- und Energieministerinnen dürfen während ihrer Amtszeit unehelich gebären, sich über den Vater ausschweigen und zudem während der Amtszeit noch ein halbes Jahr in Mutterschutz gehen. Ich stelle mir ein derartiges Szenario in Deutschland vor, zumal das Amt des Öl- und Energieministers in Norwegen nicht gerade zu den unwichtigsten zählt. Ich bin mir sicher, dass die Toleranz des Deutschen sicher keine Grenzen kennen würde.

Und nach dem Prinzip der Volksnähe ist Norwegens Königsfamilie auch so ziemlich die Einzige, die man sonntags beim segeln antrifft oder der man durchaus beim Shoppen in die Einkaufstüten schauen kann. Staatsbesuche im Winter verstehen sich von selbst im derben Anorak, der zwanglose Umgang der Königin mit ihrem unehelichen Stiefenkel ebenfalls. Für den Norweger kein Zeichen von Herabsetzen der Königswürde, sondern nur der Beweis, dass man auch bei königs nichts besonderes ist.

So sehr der Norweger das „folkelig“ sein der Königsfamilie liebt, so unerbittlich ist er dann doch, wenn sich nur der Hauch eines Anscheins von Geldverschwendung breit macht. So geschehen bei der Renovierung der königlichen Wohnung im Jahr 2006, bei der ein neuer zu luxuriöser Aufzug zum Stein des öffentlichen Anstoßes geriet, ebenso wie die unwesentliche Überschreitung des königlichen Budgets für die Schlossrenovierung um das Fünffache. Aber was macht ein norwegischer König in diesem Fall? Er öffnet einfach mal für die Öffentlichkeit die Palasttüren, lässt den Norweger, und nicht nur den, an der neu renovierten Pracht teilhaben und macht den königlichen Palast so kurzerhand zum – wenn auch eingeschränkt – nutzbaren Gemeinschaftseigentum. Bis heute. Und da sind wir dann doch wieder bei der Gleichheit, oder beim „Janteloven“ wie man in Norwegen und übrigem Skandinavien sagt. Obwohl die Landbevölkerung gerne davon spricht, dass die Hauptstädter schon gar nicht mehr wissen, was „Janteloven“ überhaupt bedeutet.

Doch das ist eine andere Geschichte. Und soll ein andermal erzählt werden.

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