Auf der Suche nach dem Elch oder: ja wo ist er denn nun?

Gleich vorweg: jetzt bin ich schon so lange in Norwegen und was ist? Keiner von den braunfelligen Gesellen hat mir sein Schaufelgeweih bis jetzt gezeigt. Und dabei halte ich schon so lange Ausschau nach ihnen. Als ich nach Oslo kam, hiess es, dass sich genügend Elche im Umkreis der Hauptstadt tummeln. Zeit also endlich einmal eines der Prachtexemplare in freier Natur zu sehen. Im Idealfall noch mit gezückter Kamera. Aber mein Warten wurde bislang noch nicht belohnt. Woran liegt das? Nun ja, der Elch von Welt ist gesellschaftlichen Verpflichtungen im Allgemeinen ja nicht so zugeneigt, sprich: er lebt lieber zurückgezogen. Und das nicht nur von den Menschen, sondern auch von seinen Artgenossen. Als bekennender Einzelgänger hält er nicht viel von Herdenverhalten, lediglich im Winter lässt er sich ab und zu herab zu einer kleinen Gemeinschaft zusammen zu finden. Den Winter findet er überhaupt prima. Wo wir Menschen vor Kälte schlottern, hat der Elch nur ein müdes Lächeln für Eiseskälte übrig. Minus fünfzig Grad? Wer wird denn da frieren. Bei Hitze allerdings leidet er und zieht sich irgendwo hin zurück, wo er im Schatten abwarten kann, bis die Temperaturen wieder seinem Gusto entsprechen.

Copyright: Torbjørn Martinsen/Visitnorway.com

Dass sie nur selten vor die Kamera zu bekommen sind, liegt auch an der Vorliebe des Elches für dämmriges Licht. Keine gute Voraussetzung ihn zu erspähen, denn die Natur hat ihm netterweise eine Fellfarbe beschert, die es einem nicht leicht macht, ihn vom Dickicht zu unterscheiden. Ausser, wenn er einem direkt vors Auto läuft auf irgendeiner der zahlreichen einsamen Strassen des Landes. Aber das zählt zu den Begegnungen, die man sich lieber nicht wünscht, denn seine enorme Körpergrösse ist nur schwer kompatibel mit zartem Karosserieblech. Seine gewaltigen Schaufeln tun das Übrige dazu.

Die biologische Bezeichnung „Stirnwaffenträger“ kann man dann auch wirklich wörtlich nehmen. Im Gegensatz zu den Rentieren ist aber nur der Elch-Herr mit dem stattlichen Kopfschmuck ausgestattet, die Elch-Dame geniesst ihre häuptliche Bewegungsfreiheit. Ist auch viel praktischer, wenn man sich um die Kälber kümmern kann, ohne dass man zwanzig Kilogramm Gewicht auf dem Kopf mit sich rumschleppen muss. Der Elch-Herr sieht das natürlich ganz anders. Wenn die Brunft beginnt im Herbst muss man ja etwas vorzuweisen haben um die Liebste zu bezirzen. Etwaige Konkurrenten werden natürlich in Zweikämpfen eliminiert. Schliesslich sollen ja die eigenen Gene weitergegeben werden und nicht die irgend eines dahergelaufenen Rivalen. Und weil der Elch auf Nummer sicher geht, begattet er auch gleich mehrere Damen, sozusagen alle, die sich um ihn herum finden. Das war es dann auch schon mit der Elchliebe. Beziehung? Nein! Die Elchdame bringt ihren Nachwuchs lieber in aller Stille an einem geschützten Platz zur Welt. Vater? Unwichtig! Verteidigen kann sie ihren Nachwuchs schliesslich selbst. Sollte man im Dickicht also eine kleine Elchfamilie erspähen, lieber schnell das Weite suchen, wenn man nicht von Hufen niedergetrampelt werden will.

Copyright: Torbjørn Martinsen/Visitnorway.com

Aber wo sieht man ihn denn nun? Auf jeden Fall braucht man eins: Geduld! Das ist ja im Allgemeinen nicht meine Stärke. Für den weniger Geduldigen wie mich gibt es daher die Elchsafari, da wird man immerhin mit dem Auto in die Wildnis gebracht, zu Plätzen, an denen sie sich bevorzugt aufhalten. Eine Garantie gibt es trotzdem nicht. Im Winter verlassen sie zumindest hin und wieder ihre Deckung, wenn man mit Fressbarem lockt. Das fällt zwar dann nicht ganz in die Kategorie „in freier Wildbahn gesehen“, aber immerhin. Ansonsten heisst es: sich auf die Lauer zu legen. 200.000 Elche streifen laut Schätzungen durch Norwegen. Da könnte man doch meinen, dass das ganz schön viele sind, aber die norwegische Natur macht uns eben einen Strich durch die Rechnung. Zu viele Möglichkeiten sich zu verstecken. Ein einziges Mal hat sich ein Elch in meine Nähe verirrt während meines Jobs als Reiseleiterin. Aber da man bekanntlich im Job nicht immer kann wie man will, war er auch schon wieder verschwunden, als ich Zeit fand nach ihm Ausschau zu halten. Ich muss mich also vorerst mit dem ausgestopften Exemplar im Holmenkollen Skimuseum begnügen. Unbefriedigend. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich ihn noch erspähe, in Gålå, in der Gegend von Lillehammer, in Trysil, in der Telemark, dem Østerdalen, am südlichen Teil der Reichsstrasse 17 oder sonst irgendwo in Norwegen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt! 😉

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Die Hauptstadt war schon lange nicht mehr dran oder: auf Herbstfototour in Oslo

Seit ich als Reiseleiterin ständig in ganz Norwegen unterwegs bin, sind meine fotografischen Abenteuer in der Hauptstadt etwas eingerostet. Nein, so geht das nicht weiter. Zehn Tage tourfrei kommen da geradezu gelegen um fotografisch Neues auszuprobieren. Und Oslo hat sich sogar überlegt mit gutem Wetter zu glänzen. Für gewöhnlich bin ich auf Regen abonniert, wenn ich denn mal zu ausgedehnten Fototouren starten will. Diesmal nicht. Erste Station: Bygdøy. Die Museumshalbinsel ist für mich ja einer der Spazierganghotspots der Stadt und das Fotografenherz schlägt hier höher. Wenn man sich auf den Weg zur kleinen Bucht Huk macht, gerät man schon in Entzücken, wenn man am idyllischen Privatstrand vorbei kommt, wo die Boote verschlafen am Steg liegen. Ausserdem leuchten hier jetzt die Bäume in allen Herbstfarben. Das beste Licht gibt es in der goldenen Stunde, also kurz nach Sonnenaufgang und kurz vor Sonnenuntergang. Das Sternchen steht dann tief am Himmel, die Schatten sind weich und „goldene Stunde“ kann man hier wörtlich nehmen. Ein optisches Fest. Ich will mich diesmal an Langzeitbelichtungen versuchen, das wollte ich schon lange ausprobieren. Dazu setzt man der Kamera quasi eine Sonnenbrille auf, die den Sensor so weit abdunkelt, dass man problemlos auf Belichtungszeiten von mehreren Minuten kommt. Der Effekt: jedes Wasser wirkt wie glatt gezogen, das Idyllbarometer steht auf höchster Stufe.

Huk, Copyright: insidenorway

Scheinbar ist hier heute Fotografentreff. Ich bin ja eher gewöhnt, dass man etwas komisch angeschaut wird, wenn man tagsüber mit Stativ unterwegs ist. Ja, aber aus der Hand ist bei Langzeitbelichtungen nichts drin. Auch über meinen Fernauslöser bin ich extrem dankbar, denn schon beim Drücken des Auslösers lässt sich eine Aufnahme herrlich verwackeln und man erfreut sich nach einigen Minuten Wartezeit – belichten, rechnen – an einer misslungenen Aufnahme. Nein, das hebt die Laune nicht. Ausserdem kann man mit extrem langen Belichtungszeiten die anderen Spaziergänger wegzaubern, gerade bei Aufnahmen in der Natur empfinde ich das als willkommene Nebenwirkung. Und das liegt einfach daran, dass ein sich bewegendes Objekt sich zu kurz an einem Punkt befindet, damit der Kamerasensor es wahr nimmt. Funktioniert übrigens auch auf grossen Plätzen mitten in der Stadt, die man so einfach leer fegen kann. Sehr praktisch.

Auch am Strand mache ich den Versuch einer Langzeitbelichtung. Eigentlich steht die Sonne dafür zu frontal, aber heute herrscht so herrliche Ebbe, dass die Steine, die sich am Ufer im Wasser tummeln, so entzückend vom Fjordwasser umspült werden. Und probieren geht ja bekanntlich über studieren. Ein paar Norweger haben sich mit Einweggrill am Strand eingerichtet und wahrscheinlich fragen sie sich, was das denn werden soll, als ich mein Stativ aufbaue. Noch ein Vorteil von Langzeitbelichtungen. Man verlässt den Ich-knipse-mal-schnell-Modus und muss sich viel genauer überlegen, was denn jetzt aufs Bild kommen soll. Damit wird auch deutlich, dass es für jeden, der sich nicht für Fotografie interessiert, die Hölle ist, unbeteiligt daneben zu stehen. Wenn man an der Kamera hantiert und alles einrichtet, wundere ich mich immer wie schnell ein paar Stunden drauf gehen, bis man ein paar verschiedene Aufnahmen im Kasten hat. Dafür kann man aber auch nach der Fotoorgie mit aussergewöhnlichen Aufnahmen aufwarten.

Huk, Copyright: insidenorway

Nächste Station Innenstadt. Diesmal ist Tjuvholmen dran. Bekanntlich gibt es ja auch dort genügend Wasser, das den Stadtteil umfliesst. Nach einer guten Aufnahmeposition muss ich etwas suchen. Schliesslich braucht man ja für ein gutes Bild einen passablen Vordergrund um so etwas wie Bildgestaltung zu vollziehen. Ja, da muss man sich schon auf die Steine bemühen, die da vor dem Astrup-Fearnley-Museum herumliegen. Beim Einrichten sehe ich schon die Kamera im Fjord liegen und die Passanten finden es auch belustigend, wie ich da auf den Steinen herumkrieche. Irgendwie befindet man sich bei der Motivgestaltung immer in Bodennähe. Jetzt im Herbst ist eine kleine Isoliermatte extrem hilfreich, wenn man nicht auf den kalten Steinen sitzen oder gefühlt stundenlang in Hockposition verbringen will.

Astrup Fearnley Museum, Copyright: insidenorway

Wo ich einmal dabei bin, will ich auch den Blick auf den Oslofjord als Langzeitbelichtung festhalten. Aber das wird heute nix, da der Bootsteg, den ich mir als  Standort ausgesucht habe, so in Schaukellaune ist, dass kein einziges wirklich scharfes Bild hinzubekommen ist. Pech. Ich versuche mein Glück an der nächsten Station, dem herrlichen Wasserfall am Akerselva, Oslos Stadtfluss. Hier ist immerhin alles fest auf der Erde befestigt, so dass schaukelnde Boote oder Stege hier eher weniger ins Gewicht fallen. An Wasserfällen ist der Langzeitbelichtungseffekt besonders schön, weil das Wasser so weich fliessend erscheint, dass es fast schon wie ein Gemälde wirkt. Da die Gischt heute besonders weit spritzt, ist es gar nicht so einfach, eine Aufnahmeposition zu finden, in der nicht in zwei Sekunden das Objektiv einen hübschen Wasserschleier hat. Aber wer suchet, der findet. Der extrem kalte Wind heute wiegt die Blätter der Bäume hin und her, nicht optimal. Ausserdem verbraucht man in fünf Minuten zehn Packungen Taschentücher, weil die Nase ununterbrochen läuft. Aber zu schön ist der Anblick der Wassermassen, die sich in die Tiefe hinab stürzen. Nach zwei Stunden bin ich dann aber doch durchgefroren und sehne mich nach einem heissen Tee.

Akerselva, Mølleparken, Copyright: insidenorway

Fazit: Ich finde es lohnt sich absolut, Langzeitbelichtungen einmal auszuprobieren. Es bringt eine Menge Spass und schärft den fotografischen Blick. Also ran an die Kamera und ausprobieren! 🙂

 

Leuchtturmfestival oder: wo Romantik den Weg weist

Also seit ich in Norwegen bin, bin ich ja zum bekennenden Leuchtturmfan geworden. Erstens, weil sie so vielfältig sind und zweitens, weil sie so ein romantisches Flair haben. Gut, nicht alle fallen in die Kategorie Superstar, aber eine ganze Menge davon schmiegen sich zauberhaft in die Landschaft oder stehen gleich mitten im Wasser um den Schiffen den Weg zu weisen. Die Zeit der Leuchtturmwärter ist natürlich längst vorbei, die Elektronik hat den Part übernommen. Wenig romantisch, aber dafür praktisch. Dem Zauber der Türmchen tut das jedoch keinen Abbruch und sie stehen überall entlang der Küste und warten darauf fotografiert oder als aussergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit genutzt zu werden. Letzteres steht auch noch auf meiner Backpackliste.

Wer von Süden nach Norwegen kommt, trifft gleich auf eines der Exemplare von der Sorte entzückend. Lindesnes fyr. Er darf sich dann auch mit dem Titel „Südlichster Leuchtturm“ und „Ältester Leuchtturm“ von Norwegen schmücken. Seit mehr als 350 Jahren leuchtet er den Schiffen den Weg, natürlich nicht in der Form, wie er heute zu sehen ist. Das mit dem Gemäuer wurde erst 1822 akut, nachdem das Leuchtfeuer 150 Jahre ein Dasein als offenes Kohlefeuer gefristet hatte und einen wahren Sturm von Beschwerden ausgelöst hatte. Eben nicht wirklich praxistauglich. Dafür zählt der Lindesnes fyr heute zu den grössten Touristenmagneten der Südküste. Auch eine Karriere.

Lindesnes fyr, Copyright: Charlotta Lambert

Fährt man die Westküste hinauf in die Provinz Møre og Romsdal wartet ein weiteres Kleinod: der Ona fyr. Allerdings ist es gar nicht so leicht hinzukommen. Man muss sich erst durch das Insel-Fähren-Wirwarr wurschteln. Von Molde aus hüpft man nach Hollingsholmen und weiter nach Aukra und Småge. Dann erst geht es weiter auf die Mini-Inseln, ja Ona fyr will sich eben nicht so leicht erobern lassen. Aber ist natürlich klar, dass man sich als Leuchtturm auf der äussersten Insel positioniert, sonst macht ja das ganze Dasein keinen Sinn. Besagte Insel Ona kann man mit 25 Einwohnern nicht überlaufen nennen, trotzdem gibt es ein Café, in dem man sich im Schatten des Ona fyr stärken kann. Der Blick aufs Meer und aufs Festland ist atemberaubend. Und nen langen Sandstrand gibt´s auch noch dazu. Ja, das ist Norwegenglückseligkeit.

Ona fyr, Copyright:Øyvind Heen – Visitnorway.com

Drei meiner persönlichen Leuchtturmlieblinge liegen weiter nördlich. Da ich an ihnen alle paar Wochen mit der Hurtigrute vorbei komme, kann ich mich entsprechend oft an ihnen erfreuen. Kjeungskjær fyr tanzt aus der Reihe, weil er nicht nur mitten im Wasser liegt, sondern auch der einzige achteckige Leuchtturm in Norwegen ist. Schon seit einiger Zeit hat man ihn mit dem Titel „Denkmal“ ausstaffiert, was die Norweger aber nicht davon abhält, ihn während der Mitternachtssonnenzeit zu vermieten. Das ganze muss ja auch irgendwie erhalten werden. Dabei ist das Türmchen ein echter Preishit. Gerade mal zweitausend Kronen kostet es, wenn man sich hier mit bis zu acht Personen einnistet. Ok, das Unterhaltungsprogramm ist eher mässig und zum Einkaufen kann man auch nicht mal so eben, aber dafür fährt jeden Tag die Hurtigrute vorbei und man kann ein Winkefestival veranstalten. Für die Mietwütigen geht es hier zum Türmchen.

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Skjeungskjær fyr, Copyright: insidenorway

Noch etwas weiter nördlich, am Beginn der offenen Seestrecke Folda, steht der Buholmråsa fyr. Genau wie der bei Bodø liegende Landegode fyr kommt er in weiss rotem Kleidchen daher, die Häuschen, die ehemals der Bewirtschaftung dienten, schmusen sich  malerisch daneben. Der Buholmråsa fyr ist ein reines Leuchtfeuer, übernachtungstechnisch austoben kann man sich hier nicht. Dafür kann er sich rühmen 17 Seemeilen weit den Weg zu weisen. Wenn ich auf dem Schiff bin, verpasse ich ihn oft, weil er immer beim Abendessen auftaucht. Dafür präsentiert sich der Landegode fyr am Nachmittag. Er markiert die Öffnung zum Vestfjord, im Winter oft eine berüchtigte Schaukelstrecke bis man die Lofoten erreicht hat. Da der gusseiserne Turm direkt nördlich der Insel Landegode liegt, hat er auch gleich ihren Namen übernommen. Das Skagen Hotel in Bodø hat ihn ausserdem als Übernachtungsstätte adoptiert. Wer also fernab allen Trubels nächtigen möchte, findet hier die nötige Ruhe.

An der ganzen Küste verteilt gibt es natürlich noch viel mehr Leuchttürme, 212 insgesamt, von denen nicht alle ein optisches Highlight sind. Wer etwas für gute Fotomotive übrig hat, kann aber auch mit den vermeintlich unscheinbaren Vertretern romantische Aufnahmen fabrizieren. Denn eins haben alle Leuchtfeuer gemeinsam. Sie stehen in einer Landschaft, die romantischer nicht sein könnte. Also auf den Leuchtturm, fertig, los! ❤

Der Vögel König oder: auf der Suche nach dem Seeadler

Ja, der Seeadler. Man sagt ja, dass er ein königlicher Vogel ist. Bei dieser Aussage kann ich nur zustimmen. Als meine Norwegenliebe vor vier Jahren erwachte, hatte ich ihn ja noch nicht so auf dem Schirm. Entweder war er nicht da, wo ich war, oder ich war zu beschäftigt, die Schönheit der norwegischen Natur zu geniessen. So weit, so gut.

Copyright: insidenorway

Jetzt aber kenne ich ihn und ich bin mir noch nicht sicher, was genau mich an ihm so fasziniert. Mit meiner Beziehung zu den Seeadlern ging es jedenfalls los irgendwo im Raftsund. Während ich per Schiff unterwegs war, liess der erste sich herab, seine Kreise  über uns zu ziehen. Majestätisch. Wenn die stolzen Vögel doch nur nicht immer so hoch fliegen würden, so dass man ein Weltraumteleskop braucht um ihnen in die Augen zu schauen. Gut, wenn man ein paar Fischleckerlis in der Hinterhand hat. Da kann auch der standfesteste Seeadler nicht widerstehen, vor allem wenn Brutzeit ist. Die Kleinen wollen ja was Handfestes im Schnabel um gross und stark zu werden. Und gross werden sie tatsächlich. Schliesslich muss man für den Titel „Grösster Greifvogel Mitteleuropas“ was tun. Wo am Anfang nur ein Ei ist, müssen die Eltern bald achtzig Tage lang fleissig auftischen bis der Nachwuchs zu den ersten kurzen Flügen startet. Brutzeit heisst für mich vor allem: Zeit, die Kamera zu zücken. Ende April hocken die Kleinen im Nest und warten gierig darauf, dass ihnen Fressbares in den Schnabel gereicht wird. Also nimmt der Adler an sich dann auch gerne das Fischangebot an, dass man ihm angedeihen lässt. Ist ja auch so praktisch, wenn man die Beute nicht erst erlegen muss. Gegen Aas hat der Seeadler prinzipiell nichts, Hauptsache er wird satt. Man muss sich eben seine Überlebensstrategie suchen. Frischer Fisch gefällt ihm natürlich besser. Deshalb ist es für Fotos gelegentlich hilfreich, wenn man gleich eine Fischkiste auf dem Boot hat. Ok, irgendwie hat es was von Tauben füttern. Jedoch zum Ende der Saison, wenn die Kleinen aus dem Nest geflattert sind, hilft auch kein Winken mit Fisch mehr um ihn dazu zu bewegen, zum Fotoshootings aufzukreuzen. Der Seeadler wahrt seine Selbständigkeit. Wer weiss schon, ob morgen wieder ein Boot mit Frischfisch vorbeifährt. Da muss man schon seine Jagdrevieralternativen in petto haben. Vor allem, wenn man auch mal die Liebste mit einem Fisch verwöhnen will. Wenn Seeadler sich verlieben, schliessen sie den Bund fürs Leben und schwärmen fortan nur noch für den hübschen Schnabel des Partners, seine stimmigen Beine und den prächtigen Fang. Jeder Fisch ist wahrscheinlich wenig amused in solchen Klauen zu landen.

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Natürlich kann man Seeadler auch prima beobachten ohne sie künstlich anzulocken. Auf einer der zahlreichen Vogelinseln zum Beispiel. Hier heisst es schnell sein,  denn sie pflegen oft genau so schnell zu verschwinden, wie sie auftauchen. Überhaupt sind sie so rasend schnell, dass man manchmal kaum hinterher kommt. Jeder, der schon einmal Seeadler fotografiert hat, wird das kennen. Erst kreisen sie stundenlang, dass man kurz vor dem Tod durch Nackensteifheit ist. Nun ja, der Blick von hoch oben ist ja bekanntlich auch der beste. Ehe man sich versieht, setzen sie zum Sturzflug an um irgendeinen Fisch aus dem Wasser zu angeln, den kein Mensch sieht. Adleraugen eben. Die Sammlung unscharfer Fotos, auf denen nur noch die Federspitzen zu sehen sind, sind dann meist besonders erbaulich. Gut, dass es im Zeitalter der Digitalfotografie möglich ist, solche „Erfolgsfotos“ einfach wegzulöschen. Vor dreissig Jahren hätte man sich an Foto-Entwicklungskosten in Höhe eines Einfamilienhauses erfreut.

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Wenn man den Seeadler dann aber mal richtig erwischt, erfüllt einen Entzücken. So stolz, so schön, so einzigartig. Als Teenager sind sie noch im stylish braunen Federkleid unterwegs, erst nach fünf Jahren kleiden sie sich mit weissen Kopf- und Schwanzfedern. Das ist dann gleichzeitig auch für die Artgenossen das Zeichen, dass sie jetzt bereit sind für einen Lebenspartner. Das erste Ei will ja schliesslich auf die Welt kommen. Und damit kommt dann auch für mich die Chance nach den neuen frisch  flügge gewordenen Ausschau zu halten und ihren Anblick zu geniessen.

Fazit: wer Gelegenheit hat diese stolzen Tiere zu beobachten, sollte es tun. Ob mit oder ohne Kamera: der Seeadler zeigt uns einen herrlichen Teil der Natur. Also lasst Euch von ihm inspirieren! ❤

Gletscherglück am Polarkreis – am Svartisen trifft Landschaftsfeuerwerk auf Eiszeit

Also in Norwegen tummeln sich ja so einige Gletscher. Der zweitgrößte ist der Svartisen. Grund genug, ihm einen Besuch abzustatten. Von Ørnes aus mache ich mich auf den Weg und bin gespannt, wieviel Eis sich denn da so den Berg hinab wälzt. Die meisten Gletscher sind ja eher von der Sorte rückläufig, da die Erderwärmung ihnen allgemein nicht zuträglich ist.

Nun ja, zunächst mal lege ich ein paar Kilometer mit dem Boot zurück um zum Svartisen zu gelangen. Die Küste ist hier einfach zauberhaft und die ganze Gegend um Ørnes herum gehört sowieso zu meinen liebsten Küstenabschnitten. Ich liebe die lauschigen Inseln, vor denen die kleinen Boote schlafen. Eine gute dreiviertel Stunde sausen wir mit dem Boot Richtung Gletscher. Und siehe da, auf einmal zeigt er sich. Zuerst noch zaghaft hinter der Felskuppe, dann in voller gletscherblauer Pracht. Ok, ich gebe zu, wer in Grönland oder auf Spitzbergen war, wird beim Anblick nur müde lächeln, ob der vergleichsweise lächerlich mickrigen Eismenge. Aber wenn man sich unvoreingenommen an den Svartisen heran arbeitet, erzeugt er schon eine gewisse Ehrfurcht. Jedenfalls finden das bei uns im Boot so ziemlich alle. Die Sonne hat sich netterweise zu uns bequemt und bringt das blaue Eis auf der Gletscherzunge zum strahlen.

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Copyright: insidenorway

Mucksmäuschenstill ist es auf einmal. Ja in so einem Moment ist man eben doch naturandächtig. Nun aber erst einmal mit dem Boot anlegen und näher ran. Schließlich will man das Eis in vollem Umfang geniessen. Ein drei Kilometer langer Wanderweg führt bis an den Gletschersee. Auch hier muss man pausenlos links und rechts gucken, weil man einfach in Verzückung gerät, so schön ist die Landschaft. Und auch, dass ich mich geographisch nördlich des Polarkreises aufhalte, ist temperaturmässig heute eher nicht spürbar. Quasi alle zehn Meter muss man ein Kleidungsstück abwerfen. Warm ist es. Am See angekommen habe ich mich dann des Zwiebellooks komplett entledigt und wäre für einen Kleidungssklaven zu haben, der mir den ganzen Kram abnimmt. Inzwischen hat die Sonne die Wolken ins nirgendwo geschickt und sie scheint, 24 Stunden im Moment. Als geologischer Dummie finde ich ja faszinierend, dass die Sonne den Gletscher nicht einfach in ein paar Stunden wegschmelzt. Aber bei 200m Eisdicke haben sich die Eismoleküle wohl so miteinander verbandelt, dass sie der Sonne trotzen, zumindest der Grossteil.

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Nähe Svartisen, Copyright: insidenorway

Am See angekommen, strahlt es türkis. Das Gletscherwasser, das den See gebildet hat, spielt hier wirklich optisches Farbenfeuerwerk. Deshalb: hinsetzen, herumgucken, geniessen. Eigentlich könnte man hier stundenlang sitzen bleiben. Ja und da ist es wieder: das Bewusstsein, dass Norwegen in punkto Natur bei der Schöpfung der Welt ziemlich gut abgeschnitten hat. Um den See optisch zu überbrücken ist das Fernglas hier Gold wert – oder das Tele-Objektiv. Das lässt einen so richtig in die Struktur des Eises blicken. Das mit den zweihundert Metern Dicke finde ich jetzt noch faszinierender, stellenweise türmt sich das Eis auch auf achthundert Meter auf. Die Gesamtmenge, die da so den Hang hinab fliesst, mag ich mir gar nicht vorstellen. Aber sie ist auch nicht wichtig um diese Naturgewalt eindrucksvoll zu finden. Das Eis, von dem der Svartisen seinen Namen hat aber, nämlich die tiefblaue Farbe der inneren Eisschichten, hält der Gletscher allerdings geheim.

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Copyright: insidenorway

Nach der ausgiebigen Pause am Gletschersee geht es zurück. Eigentlich könnte man sich jetzt bereits zufrieden zurücklehnen und von der gewaltigen Natur zehren, aber die Rückfahrt hält noch ein zusätzliches Bonbon bereit.

Möwen scharen sich heute in rauen Mengen um unser Boot. Die Vögelchen an sich sind ja noch kein so außergewöhnliches Ereignis, denn sie fliegen ja bekanntlich in Scharen überall in Norwegen herum. Heute jedoch locken sie mit ihrem Geschrei den König der Lüfte herbei. Familie Seeadler befindet sich im Moment bei der Brutpflege und Klein-Adler braucht etwas leckeres in den Schnabel. Und wo Möwen sind, ist Nahrung nicht weit. Zeit für Familie Adler nachzuschauen, ob der ein oder andere Fisch drin ist. Und so kreisen sie denn auch galant über uns um nach Seeleckereien Ausschau zu halten.

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Copyright: insidenorway

Die Taktik „kreisen, Sturzflug, Fisch angeln, verschwinden“ ist nicht gerade das, was man sich wünscht um sie fotografisch zu erwischen, aber Fotoshootings stehen eben nicht auf Adlers To-do-Liste. Trotzdem flattern sie uns freundlicherweise ein paarmal eindrucksvoll vor die Linse. Die restliche Zeit geniessen wir mit den Augen diese unglaublich schönen stolzen Vögel. Bleibt auch vielmehr im Herzen! ❤

Nach der der überaus eindrucksvollen Flugshow geht es dann aber im Sauseschritt zurück, wir sind randvoll gefüllt mit Natur der Extraklasse. Fazit: auch wenn der Svartisen-Gletscher sicherlich nicht zu den flächenmässig grössten der Welt gehört, lohnt sich ein Besuch auf jeden Fall. Zum Staunen, zum Entschleunigen, für das Norwegenglück, um seinen Moment inside Norway zu finden! ❤ 🙂