Wo Norwegen zu Ende ist oder – Grense Jakobselv, Landschaftshighlight in der Finnmark

Immer dasselbe. Wieder mal mit dem Schiff in Kirkenes an der russischen Grenze. Und da es ja immer heisst, dass die Gegend vor allem wegen ihrer Landschaft punktet, erwartet mich heute ein besonderer Landschaftsleckerbissen. Grense Jakobselv, ganz im Norden der Provinz mit Blick auf die Weite der Barentssee. Für gewöhnlich komme ich da nicht hin, aber heute habe ich einen persönlichen Chauffeur, denn eine meiner Freundinnen wohnt direkt in Kirkenes und hält ihren SUV für eine Ausfahrt bereit. Ok, das Wetter hat sich nicht in sein bestes Kleid gewandet, kühl ist es und nebelig. Aber wer wird sich von so etwas abhalten lassen, schliesslich ist es Norwegen und nicht die Karibik.

Wir starten also in Richtung russische Grenze und machen einen kleinen Abstecher zum offiziellen Grenzübergang. Der interessiert uns heute aber wenig, denn man sieht ohnehin nicht mehr als das Schild, dass der Schengen-Raum hier endet. Vor dem Grenzübergang biegen wir deshalb links ab Richtung Norden, quasi immer an der Grenze entlang. Die verläuft auch direkt durch den Fluss. Alle paar Meter steht ein hübscher gelber Grenzstein, auf der anderen Seit des Flusses, der mehr ein Rinnsal ist, die Grenzsteine von Russland. Eins, zwei, drei könnte man drüben sein, ausprobieren kommt teuer. Die Fische im Fluss haben natürlich Sonderrechte. Sie dürfen munter über die Grenze im Fluss hinweg nach Russland schwimmen und zurück. Angeln darf man sie aber nur wenn man norwegischer Staatsbürger ist oder mindestens ein Jahr hier lebt. Die Ausgabe von zwanzig Angelscheinen pro Jahr schreit nicht gerade nach Massenandrang. Wir begnügen uns damit auf der norwegischen Seite zu bleiben. Aber aus dem Auto steigen kann man ja mal. Das tun wir bei den Grenzsoldaten, die am Feuer in einem kleinen Unterstand sitzen.

Sie laden uns auch gleich ein am Feuerchen Platz zu nehmen und wir halten einen kurzen Plausch. Man könnte ja meinen, dass der Job hier oben doch eher stinklangweilig ist. Aber nein. Auf diesem Posten sind nur die besten der norwegischen Armee, man schlägt sich förmlich darum an der russischen Grenze stationiert zu sein und zu den Russen hat man auch ein entspanntes Verhältnis. Soldatenfreuden.

Nach unserem Rendezvous geht es weiter. Die Strassen könnten gelegentlich eine Sanierung gebrauchen. Ein Schlagloch reiht sich an das andere und wir hüpfen fröhlich von einem zum nächsten. Zwischendurch müssen wir den Schneehühnern und Hasen ausweichen, die munter über die Strasse huschen. Der Nebel hängt tief in den Bergen, so dass man meint, man ist auf dem platten Land. Weit gefehlt. Wir passieren das älteste Gebirge Norwegens – wenn man denn etwas davon sehen könnte. Immerhin können wir die zahlreiche Findlinge bewundern, die die letzte Eiszeit hier grosszügig verteilt hat. Riesig sind sie, teilweise von der Grösse eines Einfamilienhauses. Dass Wasser so viel Kraft haben kann dieses ganze Geröll mit sich zu schleifen. Unglaublich. Noch viel unglaublicher ist das, was ich höre, als wir aus dem Auto steigen: absolut nichts. So eine friedliche Stille habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Als wolle einem die Natur sagen, dass man doch einmal innehalten möge um die Ruhe in sich aufzunehmen. Herrlich. Das mit dem Ruhe tanken müssen wir heute verkürzen, denn wir wollen ja noch weiter.

Copyright: insidenorway

Langsam beginnt der Nebel sich zu lichten und man kann ahnen wie atemberaubend es hier erst ist, wenn man freie Sicht hat. Als wir um die letzte Kurve biegen, liegt die Barentssee direkt vor uns. So fantastisch, so karg und gleichzeitig so idyllisch, dass wir völlig gebannt sind. Sogar einen kleinen Sandstrand gibt es hier, aber die Wassertemperatur ist eher von der Kategorie: ungemütlich. Ich nehme ein unfreiwilliges Fussbad, während ich versuche ein paar Unterwasseraufnahmen zu schiessen. Kaaaaaaalt. Ewig könnte man hier sitzen, picknicken und die fabelhafte Ruhe geniessen. Den Blick auf die schroffe Landschaft muss man einfach nur aufsaugen.

Copyright: insidenorway

Den gleichen Weg geht es nun zurück. Siebzig Kilometer bis Kirkenes. Am liebsten würde ich an jeder Ecke aussteigen um in Ruhe zu fotografieren, aber auch als Reiseleiterin habe ich nicht das Privileg, dass mein Schiff auf mich wartet. Wir halten aber noch kurz an der König-Oskar-II.-Kapelle. Die thront hübsch auf einem kleinen Hügel und heisst so, seit selbiger König sie 1873 besucht hat. Zu ihrer Jahrhundertfeier hat man sie wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Überall sonst bleiben nur kurze Stopps um schnell ein paar Fotos zu schiessen. Eben geniessen im Schnelldurchgang. Der Nebel verzieht sich mittlerweile immer weiter und man bekommt eine leise Ahnung wie das Bergpanorama aussieht, wenn freie Sicht herrscht.  Atemberaubend. Wir fahren vorbei an Seen, wo sich die Boote ans Ufer schmiegen, mehr Idylle geht nicht. Die Lupinen sprenkeln die Wiesen mit lila Farbtupfern, entzückend, auch wenn sie in Norwegen mittlerweile zur Plage geworden sind und man ihrer fast nicht mehr Herr wird.

Nach einer guten Stunde sind wir zurück in Kirkenes und ich befinde, dass es sich absolut lohnt mit ausreichend Zeit noch einmal hierhin zurück zu kehren. Fazit: wer in der Finnmark unterwegs ist, sollte dieses Stückchen Grenznorwegen unbedingt einplanen. Hier erlebt man Natur in ihrer ursprünglichsten Form, die nicht überlaufen ist, bestens geeignet für echte Entschleunigung! Ausprobieren!

Nachstehend ein kleines Video unserer Spritztour.

 

 

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